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19.11.2021

Schlagen, Schreien, Schweigen: Gleichstellungsbeauftragte spricht über "Gesichter" der Gewalt

Schlagen, Schreien, Schweigen: Gewalt hat viele Gesichter. Die Gesichter der Opfer sieht Geesthachts Gleichstellungsbeauftragte Anja Nowatzky in ihren Sprechstunden. Anlässlich des „Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen“ (25. November) möchte Anja Nowatzky darum im Interview sensibilisieren – für die vielen Facetten von Gewalt, mit denen alle Menschen konfrontiert werden können.

Gewalt hat viele Gesichter. Wo fängt Gewalt für Sie an?
Gewalt ist lange nicht nur körperliche Gewalt, sondern es gibt sie sicherlich in sehr vielen Haushalten -  oft auch unbeabsichtigt – auf der emotionalen Schiene.

Wie könnte diese Form der Gewalt – die emotionale - aussehen?
Häufig wird emotionale Gewalt innerhalb von Familien ausgeübt. Es gibt sie aber auch innerhalb von Freundschaften, im Beruf oder im Internet.

In meinen Beratungen berichten viele Frauen – meistens sind es tatsächlich Frauen – von emotionaler Gewalt. Oft geht es darum, dass sich die Frauen ‚des lieben Friedens willen‘ unterordnen. Ein Grund für dieses Verhalten ist, dass wir Frauen auch heute noch oft so erzogen werden, dass wir lieb sein sollen. Mit dieser Erziehung im Hinterkopf schaffen diese Frauen es zum Beispiel nicht, sich innerhalb ihrer Beziehung gegen ihre Partner stark zu machen. Und das wird ausgenutzt - teilweise beabsichtigt, teilweise unbeabsichtigt – , indem zum Beispiel die Hand auf den Tisch geschlagen und gesagt wird: ‚So wird es aber gemacht und so möchte ich das‘. Solche Situationen sind für mich auch schon eine Form von Gewalt – jede Form von Schreien, jede Form von Strafen, jede Form von unter Druck setzen.

 

Glauben Sie, dass das Ausüben emotionaler Gewalt ein typisch oder sogar ausschließlich männliches Verhalten ist?
Nein, keineswegs. Natürlich gibt es das auch umgekehrt. Emotionale Gewalt, die von Frauen ausgeht, läuft meist aber nach anderen Mechanismen ab. Auch Frauen bestrafen ihre Männer beispielsweise durch Liebesentzug und Schweigen. Genauso machen sie es häufig auch mit ihren Kindern.

Schweigen als Form der Gewaltausübung?
Ja. Das kann schon in der ganz frühen Kindheit anfangen. Wenn Mütter oder Väter, weil sie beleidigt sind, mit ihren Kindern nicht sprechen, ist das für die Kinder existentiell. Kinder übernehmen in solchen Momenten eine Verantwortung, die nicht ihre ist. Sie entschuldigen sich, weil sie denken, dass sie irgendetwas ‚Böses‘ getan haben, sodass die Eltern nicht mehr mit ihnen reden. Viele Kinder haben in solchen Momenten große Angst.

Kinder sollten von ihren Eltern lernen, wie man nach Konflikten wieder aufeinander zugeht, sich verträgt oder sich entschuldigt. Leider gibt es aber in vielen Familien Situationen, in denen Eltern das Schweigen durchziehen und sich sagen: ‚Das Kind wird schon wieder ankommen…‘ Und so ein Verhalten hat Folgen.

Schweigen ist auch eine Form von Gewalt, die sicher häufig durch Unsicherheit oder Hilflosigkeit entsteht - so wie das Schreien übrigens auch. Aber es bleibt Gewalt.

 

Das Verweigern von Kommunikation kann also Gewalt auf andere Personen ausüben, genauso wie das Anschreien oder „Überschreien“ anderer Meinung. Gewalt hat im Gespräch also etwas mit Lautstärke zu tun, welchen Anteil haben die Inhalte des Gesagten?
Psychische Gewalt entsteht zuhause häufig durch das, was gesagt wird. Unbewusst und auch bewusst werden in vielen Familien Drohungen ausgesprochen. ‚Wenn du das machst, kommt der Weihnachtsmann nicht‘ – das ist eine Drohung. Oder: ‚Du weinst ja, wie ein Mädchen‘ – das ist Gewalt, das ist unter Druck setzen. Zudem bekommt durch diese Aussage auch noch das „ein Mädchen sein“ einen unangenehmen Beigeschmack. Stubenarrest ist auch eine Form von Gewalt. Oder: ‚Wenn du deinen Teller nicht leer isst, wird das Wetter nicht schön.‘

Natürlich sind das keine Situationen, die wir klassischerweise mit Gewalt assoziieren, denn körperlich nimmt daran erstmal niemand Schaden. Aber solche Aussagen haben gewaltige Auswirkungen. Sie verunsichern und führen zu Ängsten, die Personen in ihrem Handeln und ihrer Entwicklung stark beeinflussen können. Unser Unterbewusstsein arbeitet nämlich immer!

 

Oft ist zu hören und zu lesen, dass die Gewalt unter Kindern und von Kindern zunimmt. Spielt das in Ihren Beratungen auch eine Rolle?
Ich höre oft, dass Kinder gewalttätiger sind als früher und dass zum Teil der Respekt gegenüber andern Kindern und auch Erwachsenen abgenommen hat. Bis zu einem bestimmten Alter, etwa bis sie drei Jahre alt sind, können Kinder hauen, weil sie nicht wissen, wie sie ihre Gefühle oder Bedürfnisse anders ausdrücken sollen. Aber wenn sie älter werden, sollten Kinder wissen, dass sie nicht schlagen sollen.  Sind Kinder dann weiterhin aggressiv, kann das zu ganz schwierigen Situationen führen. Ein Beispiel: Mir ist von einem kleinen Jungen berichtet worden, der auf dem Schulhof sehr aggressiv reagiert hat. Die Frau, die über die Situation mit mir gesprochen hat, hatte den Jungen, der gerade eingeschult worden war, angelächelt. Und dieser sagte mit einem völlig wütenden Gesicht zu ihr: ‚Was grinst du mich so blöd an!?‘ Und solche Situationen erleben viele Menschen in ihrem Alltag. Da ist schon ein gewisses Aggressionspotenzial vorhanden und immer wenn Aggressionspotenzial vorhanden ist, ist Gewalt nicht mehr ganz so weit weg.

Aggressivität wäre demnach eine Vorstufe für Gewalt. Bei welchen anderen Verhaltensweisen horchen Sie auf? Was wären andere Vorstufen?
Extreme Eifersucht kann eine solche Vorstufe sein: Partner, die das Handy kontrollieren. Aussagen wie: ‚Er will nicht, dass ich mich mit einer Freundin treffe. Er will nicht, dass ich aus dem Haus gehe.  Er kontrolliert mich. Er will mich für sich alleine haben.‘  Einige Männer wollen ihren Frauen verbieten, dass sie arbeiten gehen. Das sind alles schon Dinge, die für mich alles Vorstufen von Gewalt – und solche Schilderdungen höre ich häufig in meinen Beratungen.

Eine weitere Vorstufe, die viele von uns sicher aus ihrem Alltag kennen: In einem Gespräch wird eine Partei laut, haut mit der Faust auf den Tisch. Auch im Beruf gibt es diese Personen, die jede Form der Kommunikation durch Lautstärke, Körperhaltung, Mimik, im Keim ersticken, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Das sind alles Vorstufen oder je nach Ausprägung sogar Formen der Gewalt - und darum ist dieses Gesprächsverhalten ein Problem. Es gibt ja auch nicht umsonst immer mehr Seminare zur gewaltfreien Kommunikation.

 

Sie sprechen häufiger von Frauen, die Gewalt durch Männer erleben, als andersherum. Sind Männer aggressiver und dadurch gewaltbereiter?
Grundsätzlich nimmt die Anzahl der Personen, die zu mir Kontakt aufnehmen, zu. Bei mir suchen sehr viel mehr Frauen Hilfe als Männer. In meinem jüngsten Tätigkeitsbericht, der die eineinhalb Jahre vom 1. Februar 2018 bis zum 30. Juni 2019 umfasst, habe ich beispielsweise 193 Beratungen durchgeführt. 11 der Ratsuchenden davon waren Männer. Beratungen aufgrund von körperlicher Gewalt, umfassen bei mir nur einen kleinen Anteil. Die Dunkelziffer der hilfebedürftigen Männer ist sicher sehr viel größer als bekannt. Denn Männer trauen sich offenbar nicht darüber zu sprechen, wenn sie körperliche Gewalt durch Frauen erfahren, weil sie dann als schwach gelten. Aber: Die Zahl von Männern, die Frauen körperliche Gewalt antun, ist dennoch um ein vielfaches höher. Von emotionaler Gewalt berichten Männer häufiger. Sie erzählen dann gerne, gepaart mit einer Prise Humor, von ihrem „Drachen“ zuhause.

Auch in den vergangenen Monaten haben sich viele Personen bei mir gemeldet. Und, was mir da nochmal ganz deutlich geworden ist: Die Rahmenbedingungen und die Entstehung von Gewalt gehören oft zusammen gedacht: In der Coronazeit haben mir zum Beispiel viele Frauen geschildert, wie sehr sie belastet sind durch das Arbeiten im Homeoffice und die zeitgleiche Betreuung ihrer Kinder. Mir haben Frauen gesagt, dass sie Angst haben, gewalttätig zu werden. Sie seien so gestresst, dass sie ihren Kindern ‚eine langen wollten‘ - was sie vorher nie für möglich gehalten hätten. Auch das ist eine Facette von Gewalt.

Oder viele junge Mütter kennen auch das: Wenn das Baby schreit und schreit und schreit… Schlafentzug gepaart vielleicht noch mit ungeduldigen Partnern – das kann zu so großem emotionalen Stress führen, dass Personen verzweifeln und gewalttätig werden. Sie schreien vielleicht das Kind oder den Partner an, schlagen zu… die Spirale beginnt, Gewalt von allen Seiten.

Bei Ihnen suchen Personen, die in schwierigen Lebenssituationen sind, Hilfe. Welche Hilfe können Sie leisten? Was können Ratsuchende erwarten?
Bei mir suchen Personen Hilfe, die sich in Krisensituationen befinden. Das ist nicht immer eine Krise innerhalb der Partnerschaft sein. Vielfach kommt zu mir, wer im Job Schwierigkeiten hat, die beispielsweise Fragen der Gleichberechtigung betreffen. Während sich der Schwarzenbeker Verein „Hilfe für Frauen in Not“ sehr häufig mit körperlicher Gewalt auseinandersetzt und betroffene Frauen unterstützt, geht es in meinen Beratungen eher um emotionale Gewalt, für die ich auch besonders sensibilisieren möchte.

Betroffenen helfe ich, indem wir gemeinsam Situationen durchgehen. Durch meine Coaching-Ausbildung verstehe ich es, mich extrem gut in andere Personen hineinzufühlen, kann hinterfragen und zur Selbstreflexion anregen. Ich gebe Tipps und biete zum Beispiel, auch zusammen mit anderen Kooperierenden, Workshops, zum Thema Selbstbewusstseinstraining an.


In ganz vielen Fällen, die in meiner Sprechstunde Thema sind, ist schon viel kaputt gegangen in der Beziehung. Die Frauen wollen dann zum Beispiel wissen, wie sie an eine eigene Wohnung kommen oder den Partner aus der gemeinsamen Wohnung herausbekommen. Häufig sind die Frauen finanziell abhängig von den Männern und trauen sich darum nicht, eine Beziehung zu beenden. Es sind viele unterschiedliche Probleme, die die Frauen sehr verunsichern…Sofern ich Ängste vor dem Partner beobachte, ist meine Frage oft: Ist Ihr Mann auch gewalttätig? Und häufig ist es so, dass die Frauen nicht einschätzen können, was passieren wird, wenn sie ankündigen, dass sie ihren Mann verlassen werden. In diesen Fällen stelle ich zum Beispiel den Kontakt zu helfenden Institutionen wie das Frauenhaus her.

Quelle: Stadt Geesthacht
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